Aus Versehen ausgewandert – vom Urlaub zur Arbeit

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Chrissy (32) wollte eigentlich erst mal nur Urlaub in Australien machen. Aus dem einen Jahr ‚Working Holiday‘ wurden zwei. Als sich plötzlich eine Festanstellung in Melbourne auftat war schnell klar, dass aus dem Urlaub inzwischen viel mehr geworden ist. Die Münchnerin wurde plötzlich von der Urlauberin zum Auswanderer… ganz aus Versehen sozusagen.  

Du bist ja eigentlich gar nicht nach Australien gekommen mit dem Wunsch auszuwandern. Wie hat es dich ursprünglich nach Down Under verschlagen und wieso hast du gerade Australien gewählt?

Chrissy: (lacht) Ja, ich bin tatsächlich nicht nach Australien gekommen um dorthin auszuwandern. Wie hätte ich das auch sagen können, als ich aufgebrochen bin? Alles was ich von Down Under kannte, waren Fotos in Reisekatalogen und Erzählungen von Freunden. In meinem Kopf schwirrten Kängurus, Strände und ewiger Sonnenschein herum. 

Ich war in Deutschland lange Zeit selbständiger Web-Designer, und obwohl ich gute Aufträge hatte, war da doch irgendwie dauernd der Wunsch mal wieder etwas komplett anderes zu sehen. Etwas aus der gewohnten Welt auszubrechen, eine neue Herausforderung zu finden. Reisen war schon immer meine Leidenschaft aber einen mehr-monatigen Urlaub hatte ich eigentlich noch nie gemacht. 

Ich wollte gerne für einige Zeit in einem englischsprachigen Land reisen und Google verriet mir recht schnell, dass man das Working Holiday Visum in Down Under nur bekommt, wenn man unter 31 Jahre ist.

„Da ich damals schon 28 war dachte ich mir ‘Jetzt oder nie’ und bin mit dem Working Holiday Visum, 9 Kilo Gepäck und komplett ohne Plan erst mal für ein Jahr nach Australien gegangen.“

Bist du damals alleine nach Australien gegangen?

Chrissy: Ja, ich habe das allein durchgezogen. Im Nachhinein gesehen war das auch gut so. Man ist viel offener wenn man alleine reist und die Herausforderung ist grösser.

Du wurdest später auf dem 457 Visum gesponsert. Wie hast du das geschafft?

Chrissy: Nachdem ich meine vollen 2 Jahre Working Holiday ausgereizt hatte war klar, dass ich das Visum wechseln und von einer Firma gesponsert werden muss, wenn ich weiterhin in Australien bleiben will.

Von dem Moment an, habe ich mir einen richtigen ‘Schlachtplan’ zurecht gelegt. In meinen verbleibenden drei Monaten auf dem Working Holiday Visum wollte ich einfach alles dran setzen um einen Job und Sponsor zu finden.

„Ich habe angefangen in JEDES Gespräch meine Jobsuche mit einzubinden. Ich habe Freunden in Melbourne davon erzählt, Freunden von Freunden auf einer Party und wildfremden Leuten in der Bahn.“

Und siehe da, kurz darauf hatte ich tatsächlich schon einige Kontakte. Sowas geht in Australien echt gut. Im Endeffekt bin ich viel schneller zu einem Job gekommen als ich es für möglich gehalten hätte. Dazu muss man aber auch sagen, dass es etwas daran gelegen hat, dass ich das letzte halbe Jahr in Melbourne als Freelancer für verschiedenen Firmen gearbeitet habe und dadurch schon ein paar Kontakte hatte. Eine dieser Firmen hat mir nach einem weiteren Monat Probearbeit (natürlich bezahlt) eine Festanstellung angeboten.

Ich sage deshalb immer ganz gerne, dass das Working Holiday Visum ein super ‘Einstiegsvisum’ ist um längerfristig in Australien zu bleiben. Kein anderes Visum bietet so schnell und so einfach eine einjährige (fast) unbeschränkte Arbeitserlaubnis. 

In welchem Bereich bist du gesponsert worden?

Ich wurde als Web-Designer im Bereich User Interface Design und User Experience Design angestellt.

Musstest du die Kosten fürs Visum tragen oder hat das dein Arbeitgeber übernommen?

Chrissy: Das war eine etwas lustige Geschichte… Mein Chef meinte, dass die Firma ihren Teil für das Visum zahlt und ich meinen. Ich wusste damals nicht, dass der Arbeitgeber eigentlich alle Kosten für das Visum zu übernehmen hat aber war natürlich auch in einer recht schlechten Verhandlungsposition. 

Mein Chef hatte dann vorgeschlagen, dass sie mir den zu zahlenden Betrag für meinen Visumanteil einfach von unserem ausgehandelten Jahresgehalt von $54.000 abziehen, weil ich dadurch ja Steuervorteile hätte (weniger Einkommen = weniger Steuer). Im Nachhinein betrachtet war das ein schlauer Schachzug von der Firma, da sie dann bei der jährlichen Gehaltserhöhung 12 Monate später von einer geringeren Summe ausgehen können.

Anyway, das Ende vom Lied war, dass die Vorschriften fürs 457 vom Immigration Department glücklicherweise verhindert haben, dass ich komplett über den Tisch gezogen wurde. Gehaltsmäßig meine ich. $54.000 für einen Web-Designer mit über 6 Jahren Arbeitserfahrung zu zahlen ist weit unter dem Durchschnittseinkommen für Melbourne. Eine Klausel in den 457-Visum Vorschriften besagt, dass die Firma aber auch das gleiche Gehalt für gleiche Positionen innerhalb der Firma zahlen muss. Da es einen anderen Designer im gleichen Alter und mit gleicher Erfahrung gab, musste mein Gehalt auf $60.000 gehoben werden um das Visum durchzubringen. Ich habe mich natürlich gefreut.

Lief das alles über einen Migration Agent?

Chrissy: Die Firma hat den gesamten Visumsantrag über eine Immigration Agency in Melbourne laufen lassen. 

Warst du mit deinem Gehalt in Melbourne zufrieden? Liess es sich damit gut leben?

Chrissy: Jein. Das Gehalt war mir anfangs eigentlich eher unwichtig. Klar wollte ich halbwegs gut bezahlt werden, aber die Hauptsache war erst mal in Melbourne bleiben zu können. Im Laufe der Zeit, nachdem ich auch viel von anderen Leuten über ihre 457-Visumserfahrungen gehört habe, ist mir aber klar geworden, dass ich für ein weitaus höheres Gehalt hätte kämpfen sollen. All das ist natürlich aber schwierig zu wissen in einem fremden Land, in dem man noch nie eine Gehaltsverhandlung geführt hat. Ich wollte damals auch auf keinen Fall unverschämt erscheinen, wollte den Job unbedingt und habe dementsprechend niedrig gepokert.

Was ist in Australien besser als in Deutschland, was fehlt dir?

Chrissy: Einige Dinge sind in Deutschland besser, andere in Australien. Das insgesamt bessere Wetter, selbst im manchmal regnerischen Melbourne, zähle ich definitiv zu einem der größten Pluspunkte in Australien. Die Nähe zum Strand. Dazu kommen noch die Leute, die einfach von der Art her ganz anders sind und sowohl freundlicher als auch offener rüberkommen. Das Multi-Kulti würde mir in Deutschland fehlen. 

Was mir in Melbourne ziemlich auf den Keks geht sind vor allem die dünnen, schlecht eingebauten Fenster, durch die man im Winter jeden Luftzug spürt. Auch Dinge wie die horrenden Preise im Supermarkt führen, selbst nach 4 Jahren, noch zu gewissen Kraftausdrücken meinerseits. Gutes deutsches Brot und – weil ich ja aus Bayern komme – BREZEN fehlen mir ganz besonders!

Aber es ist eben immer ein Abwägen von Pro und Kontra. Kein Land ist ‘perfekt‘. Und man findet deutsche Brezen übrigens inzwischen auch hin und wieder mal auf dem Markt in Melbourne. Nur eben nicht für 0,60 EUR, sondern für 3,50 AUD.

Kannst du das 457 anderen Leuten empfehlen? 

Chrissy: Das Visum selber ist nicht schlecht, vor allem die Möglichkeit nach 2 Jahren beim gleichen Arbeitgeber auf die Permanent Residency zu wechseln. Man muss nur aufpassen und möglichst zusehen, dass man eine Stelle bei einer Firma bekommt, von der man denkt, dass man es dort längerfristig aushält.


Chrissy ist Gründer und Autor von RausnachAus.com und happy, dass Ihr bis hierhin gescrollt und gelesen habt. 🙂

About Author

Chrissy

Ich komme ursprünglich aus München und arbeite, wenn ich nicht gerade an dem RausnachAUS Blog schreibe, als Web Designer. Eine meiner grössten Leidenschaften ist das Reisen und ich lebe seit mittlerweile 4 Jahren in der europäisch(st)en Metropole Australiens, Melbourne.

2 Kommentare

  1. Würdest du es generell empfehlen, erst mit dem Working Holiday Visum nach Australien zu reisen und vor Ort nach Jobs zu suchen, die einem zum 457 Visa verhelfen können, anstatt von Deutschland aus bereits Bewerbungen zu schreiben? Ich habe letztes Jahr ein Auslandsemester in Australien verbracht und bin jetzt, nachdem ich mein Studium in Deutschland beendet habe, auf der Suche nach einem Job Down Under 🙂

    • Chrissy

      Hi Christina, ja die Jobsuche vor Ort in Australien macht auf jeden Fall Sinn. Sich auf Jobs von Deutschland aus zu bewerben ist schwierig und die Chancen auf Erfolg sind wesentlich geringer weil man nicht mal eben so persönlich zum Vorstellungsgespräch erscheinen kann. Wenn du in Australien bist und idealerweise (wie auf dem Working Holiday Visum) eine Arbeitserlaubnis hast um evtl. Probearbeiten zu können, hast du wesentlich bessere Karten. Du kannst natürlich schon anfangen von Deutschland aus ein paar Bewerbungen abzuschicken und so ein bißchen Vorarbeit leisten. 🙂

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