Vom 457 zur Permanent Residency

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Sven (32) ist inzwischen schon über 7 Jahre in Australien. Er arbeitet im handwerklichen Bereich als Fensterbauer / Glaser und hat seine permanente Aufenthaltserlaubnis erhalten, nachdem er 2 Jahre lang für die gleiche Firma auf einem 457 Visum gearbeitet hat.

Du bist ja jetzt schon eine ganze Zeit hier und quasi schon halb-Aussie. Wie lief das bei dir genau mit dem Auswandern nach Australien?

Sven: Naja, auswandern ist schon zuviel gesagt. Eigentlich bin ich damals (2007) ziemlich ohne Plan zusammen mit meiner Freundin auf einem Working Holiday Visum nach Australien gekommen. Wir haben versucht erst mal in Melbourne Fuß zu fassen und ich habe anfangs ein paar Monate als Koch gearbeitet, bevor ich mich entschieden habe, doch lieber zurück in meine Berufsrichtung zu gehen. Ich bin gelernter Glaser / Schreiner, Fachrichtung Fensterbau, baue also hauptsächlich doppelverglaste, deutsche Fenster.

Auf meiner Jobsuche habe ich mich erst mal online umgesehen und nach einigen Fachbegriffen gegoogelt. Dabei habe ich schnell festgestellt, dass meine Industrie hier in Australien recht klein ist. Bei meiner Suche im Internet kamen nur 5 Treffer für ‘German PVC Windows‚ in meiner direkten Umgebung heraus. Eine Firma davon war lustigerweise direkt bei mir um die Ecke, also tatsächlich nur die Straße runter.

„Ne oder, das gibts ja nicht“ dachte ich mir. „Was ist denn das für ein Zufall?“

Ich bin dann dort einfach mal vorbeigegangen um mir das Unternehmen anzusehen und habe ein Gespräch mit einem der Inhaber angefangen. Die Leute dort in der Firma waren total begeistert als sie gehört haben, dass ich eine langjährige Ausbildung im Bereich Fensterbau in Deutschland gemacht habe. Das gibt es so in Australien gar nicht.

Es hat sich herausgestellt, dass es ein kleines polnisches Familienunternehmen ist und der Sohn musste meine Bewerbung dann erst mal an seine Eltern weiterleiten. Direkt am nächsten Tag habe ich einen Anruf von denen bekommen und damit hatte ich den Job. Eine Woche später habe ich dort angefangen, ohne eigentlich überhaupt ein richtiges Vorstellungsgespräch oder ähnliches gehabt zu haben. Meine deutsche Ausbildung hat sie wohl direkt überzeugt.

Ich habe dann erst mal ganz normal ein paar Monate mit meinem Working Holiday Visum dort gearbeitet, habe aber auch relativ bald schon angesprochen, dass ich damit nur 6 Monate bei einem Arbeitgeber bleiben darf.

„Wenn ihr mich länger behalten wollt, müsst ihr mich sponsern.“

Hast du dich da schon schlau gemacht gehabt wegen Arbeitsvisas bzw. wusstest du welche für dich in Frage kommen?

Sven: Ich habe mich damals einfach online umgeschaut und es war relativ schnell klar, dass das 457 Employer Sponsored Visa am ehesten in Frage kommt. Meine Firma wollte mich auch unbedingt behalten, weshalb wir uns dann einfach auf der Seite des Immigration Departments die Antragsformulare rausgesucht haben. Meine Chefin und ich haben dann angefangen, die zusammen auszufüllen.

Ich hatte vorher auch ein Gespräch mit einem Einwanderungsanwalt der damals meinte, es wäre extrem schwer für mich das Visum zu bekommen. Allein die (relativ kurze) Unterhaltung mit ihm hat mich damals schon $200 gekostet.

“So ein Schwachsinn” dachte ich mir. “Das kostet mich ein halbes Vermögen wenn ich den Immigration Agent anheuere. Ich mach das alleine.”

Es gibt ja auch vom Immigration Department diese Hotline, die man bei Visumsfragen anrufen kann. Das ist kostenlos und war recht hilfreich, da sie mir ein paar Tipps geben konnten zum richtigen Ausfüllen der Antragsformulare.

Natürlich hat das alles etwas länger gedauert, als wenn ich es über einen Immigration Agent hätte machen lassen, aber es hat sich gelohnt und ich war ja auch nicht in Eile. Wenn man sich ein bißchen reinliest, geht das alles auch gut alleine. Meine Firma war damals auch noch kein zertifizierter Sponsor. Wir haben den Antrag dafür zusammen mit meiner Bewerbung fürs 457 weggeschickt.

Gab es irgendwelche Probleme beim Ausfüllen der Unterlagen oder lief das alles glatt?

Es war für mich wichtig, den Visumsantrag relativ bald einzureichen, weil ich das nur von Australien aus machen durfte. Ich hatte damals aber bereits einen Flug nach Deutschland (um Urlaub zu machen) gebucht. Um den in Anspruch nehmen zu können, musste ich aber davor den Antrag für das 457 Visum rausbekommen. Eigentlich muss man auch einen Englischtest, den IELTS, beilegen. Für den hatte ich mich zwar schon angemeldet, bekam die Ergebnisse aber nicht schnell genug. Ich war gezwungen die Visumsunterlagen ohne den Test abzuschicken. Die IELTS Ergebnisse habe ich auf Anforderung vom Immigration Department später einfach nachgereicht, das war gar kein Problem.

„Hauptsache, es ist erst mal etwas eingereicht. Man kann Unterlagen immer nachreichen. Die fragen dich dann schon oder lassen es dich wissen, wenn noch etwas fehlt.”

Vieles haben meine Chefin und ich, wie sich später herausgestellt hat, auch komplett falsch ausgefüllt. Zum Beispiel bei der Frage ‚Wie lange willst du bei der Firma arbeiten?‘ haben wir, anstatt die standardmäßigen 4 Jahre anzugeben, 2 1/2 Jahre reingeschrieben weil wir dachten, dass wir das Visum dann sicher bekommen. Das 457 wurde dann auch tatsächlich nur für die 2 1/2 Jahre ausgestellt, die wir beantragt hatten. Das hat einiges Kopfschütteln bei Behörden ausgelöst, denen ich später meine Unterlagen zeigen musste. (lacht) Die meinten sie haben so etwas noch nie gesehen und normalerweise bekommt man volle 4 Jahre oder nichts. Naja… anscheinend nicht.

Es hat sich bei mir ganz schön hingezogen weil ich wie gesagt noch Unterlagen nachreichen musste. Das ist natürlich alles gut und schön wenn man sich selber ums Visum kümmert, wenn es über einen Einwanderungsanwalt läuft, ist es natürlich anders. Dann muss man plötzlich für jede Kleinigkeit die fehlt, zahlen (also Gebühren an den Anwalt weil der sich drum kümmern muss). Wenn du alles selber machst, ist es eigentlich gar kein Stress. Du musst halt nur schauen, dass du die Unterlagen, die noch fehlen, im Zeitraum den sie dir dann geben nachreichst.

„Sobald ich den Visumsantrag weggeschickt hatte, war ich auf einem Bridging Visum und konnte auch erst mal unbeschränkt bei meiner Firma weiterarbeiten.“

Das Immigration Department wollte auch noch einen Gesundheitstest von mir haben. Im Grunde genommen habe ich eben alles so abgearbeitet und dann auf deren Entscheidung gewartet. Nachdem ich 6 – 9 Monate auf dem Bridging Visum gewesen bin, wurde mir Anfang 2009 dann endlich das 457 Visum gewährt.

Wie teuer war das Visum denn dann, wenn ihr alles selber beantragt habt?

Sven: Es war eigentlich überhaupt nicht teuer. Ich habe schon von Freunden gehört, die für das 457 Visum mit Anwaltskosten an die $10,000 gezahlt haben. Wenn man sich um alles alleine kümmert kostet es knappe $1000 (für meinen Part) und ich glaube falls die Firma sich noch als zertifizierter Sponsor anmelden muss, sind das nochmal ca $800.

Wie viele Leute haben bei der Firma gearbeitet?

Sven: Mit mir nur 7 Leute, das Unternehmen war also relativ klein.

Hast du dich direkt nach 2 Jahren beim gleichen Arbeitgeber auf die Permanent Residency beworben?

Ja genau. Ich habe auch hierbei festgestellt, dass man in Australien einfach nicht allzu deutsch denken darf. Wenn in Deutschland irgendwas auf einer Government Seite steht, dann ist das meistens hieb- und stichfest genau so, wie es dort aufgeführt ist. In Australien lässt sich vieles viel weiter ‘strecken und biegen’. Hier ein Beispiel:

Ich habe mich beim permanenten Visum, auf das ich mich nach 2 Jahren bei meinem Arbeitgeber bewerben konnte, geweigert den IELTS Englischtest nochmal zu machen.

„Das ist reine Geldmacherei, nochmal $300 für den doofen Test zahlen? Nur, weil er nach 2 Jahren offiziell nicht mehr gültig ist? Nein danke.“

Ich habe dann von jemand anderem erfahren, dass man auch einfach einen Brief beilegen kann in dem man erklärt, dass man die letzten zwei Jahre bei der Firma alles auf Englisch gemacht hat. Das reicht dann auch als Beweis, dass man die Sprache gut genug sprechen kann. Mein Chef hat mir einfach eine Bestätigung geschrieben in der stand ‚Sven kommuniziert mit unseren Kunden in Englisch, verwaltet Dokumente in Englisch und trainiert neue Mitarbeiter in Englisch’.

„Das probier ich einfach“, dachte ich mir. „Wenn es nicht passt dann wird sich das Immigration Department schon melden und den Englischtest anfordern.“

Den hätte ich dann ja immer noch machen können. Meinen alten, abgelaufenen IELTS-Bescheid habe ich sicherheitshalber auch noch dazugelegt. Es wurde alles akzeptiert und gut war’s.

„Es ist in Australien auch nicht wie in Deutschland. Es lässt sich alles etwas strecken und hinbiegen, auch Unterlagen für Visas… solange man eine gute Begründung hat.“

Waren die ersten 2 Jahre auf dem 457 dann ok für dich oder hättest du in der Zeit eigentlich gern den Arbeitgeber gewechselt, konntest aber nicht so einfach, weil du mit dem Visum ja an die Firma gebunden warst?

Sven: Jein… alles in allem war es ganz ok. Es gibt immer Sachen, die einem an einer Firma nicht so gut gefallen. Zwischenzeitlich habe ich schon mal so ein bißchen darüber nachgedacht, mir eventuell einen neuen Job zu suchen weil mein Gehalt nicht sonderlich gut war. Die Industrie ist hier in Australien aber so klein, dass es extrem schwierig gewesen wäre.

Ich hatte damals auch noch die Regelung, dass ich innerhalb von 28 Tagen (inzwischen wurde es ja auf 90 Tage geändert) einen neuen Sponsor finden muss, wenn ich meinen Job verliere oder kündige. Deshalb habe ich mich nicht in der Verhandlungsposition gesehen meinem Arbeitgeber sagen zu können, dass ich mehr Geld brauche. Um dich herum wird alles teurer aber dein Gehalt zieht nicht mit… das war schon etwas schwer. Viele Firmen sagen auch Gehaltserhöhungen sind nicht drin. Es heisst dann einfach “We can’t do it” weil wir Wettbewerbsfähig bleiben und uns gegen billige Chinaprodukte behaupten müssen. Der Qualitätsanspruch ist aber in Australien auch gar nicht da wenn du mich fragst. Das ist in Deutschland ganz anders. Hier wurden teilweise Fenster ausgeliefert mit Fehlern drinnen, bei denen ich mir als qualifizierte Fachkraft nur an den Kopf greifen konnte.

Aber naja… ich dachte mir dann, dass ich es einfach 2 Jahre lang durchziehe und mich dann direkt auf das permanente Visum (186 Employer Nomination Scheme) bewerbe. So bald ich das habe, wusste ich, kann ich machen was ich will.

Wie findest du die Lebensqualität hier in Australien im Vergleich zu Deutschland?

Sven: Also ich muss sagen ich bin total schockiert wie die Preise hier in Australien in den letzten 7 Jahren, seit ich angekommen bin, gestiegen sind. Sachen sind so viel teurer geworden. Lebensmittel, Miete… das Benzin hat 2007 nur einen knappen Dollar gekostet und jetzt sind $1,50 ganz normal.

Alles in allem habe ich das Gefühl ich würde in Deutschland mehr für mein Geld bekommen als hier in Australien. Dafür gibt es dort keinen so guten Kaffee wie hier in Melbourne und so einfach mal eben mit meinem Hund an den Strand kann ich auch nicht. Es gleicht sich alles irgendwie aus.

Gibts irgendwas, das du Leuten raten würdest fürs 457?

Sven: Gut ist es auf jeden Fall, sich von Australien aus auf Jobs zu bewerben.

Dann noch etwas, das jetzt eigentlich kein Tipp ist um das Visum zu bekommen: Ich habe bei vielen Leuten gesehen, dass es Vorteile hat als Pärchen nach Australien auszuwandern. Einer kann auf einem 457 sein, der andere wird als Partner eingetragen (und bekommt damit eine freie Arbeitserlaubnis, ungebunden von jeglicher Firma). Gefällt einem der Job nicht mehr, dann kann man das Ganze ja umdrehen. Soll heissen der andere Partner sieht sich nach einem 457 Sponsorship um und nimmt dann den vorherigen 457-Visa-Holder als Partner auf. Man kann sich sozusagen den Ball hin und her werfen. Das macht es schon extrem viel einfacher als wenn man allein hier herkommt.

About Author

Chrissy

Ich komme ursprünglich aus München und arbeite, wenn ich nicht gerade an dem RausnachAUS Blog schreibe, als Web Designer. Eine meiner grössten Leidenschaften ist das Reisen und ich lebe seit mittlerweile 4 Jahren in der europäisch(st)en Metropole Australiens, Melbourne.

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